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Road Trip: Macht das auch alleine Spaß?

Road Trip, Ils D´Orleans, Kanada

Autofahren ist nicht gerade meine größte Stärke. Große Verkehrsaufkommen stimmen mich nervös und Spurenwechsel machen mir Angst. Dafür bin ich die perfekte Beifahrerin! Ich schmiere vor der Fahrt Brote, reiche Wasser an, lese vor und kommentiere ungefragt, was man abseits der Fahrbahn so sieht. Auf der rechten Seite im Auto fühle ich mich wohl und sicher, weder motze ich über Fahrstile, noch schlafe ich nach fünf Minuten ein (das würde mein Papa zwar jetzt nicht so unterschreiben, aber ich gebe zumindest mein Bestes). Genauso gerne wie die Beifahrerseite mag ich Road Trips und das, seit ich mit zwölf das erste Mal Thelma&Louise geguckt habe. Dieses Gefühl von Freiheit, Unabhängigkeit und einer Prise Ungewissheit finde ich wirklich ganz fabelhaft. Musik aufdrehen und los geht’s. Doch was tun, wenn man alleine unterwegs ist? Für gewöhnlich weiche ich auf Bus, Bahn und Flugzeug aus, doch als ich letztes Jahr in Kanada und den USA unterwegs war, stellte ich schnell fest, dass die Alternativen zum Auto logistisch und preislich inakzeptabel waren. Ich beschloss also das bis dahin für mich Unglaubliche: Ich würde ein Auto mieten. Ganz für mich alleine. Meine erste Mietwagen-Anlaufstelle war in Kanadas Osten in Quebec. Man reichte mir einen Schlüssel, deutete grob Richtung Parkplatz und das war´s. Verrückt, dass die mir einfach so ein Auto geben, dachte ich und näherte mich nervös dem kleinen, weißen Kia.

Road Trip, Kanada

Ich setze mich rein und atmete tief durch. Erstmal Scheibenwischer, Blinker und Bremsen checken. Das machte meine Mama auch immer so im Mietwagen. Dann ließ ich den Motor an und das Adrenalin schoss durch meinen Körper. Das mag für alle routinierten Autofahrer total lächerlich klingen, aber für mich war dieser Moment eine der größten Mutproben der letzten Jahre. Doch Ängste sind da, um überwunden zu werden und so trat ich vorsichtig auf´s Gas…
Mein erstes Ziel war die nicht weit entfernte Insel Île d’Orléans, ein kleines Paradies außerhalb der Stadt, wo die Kanadier am Wochenende zum Äpfel pflücken und Ausspannen hin kommen. Begeistert von meinem kleinen Flitzer und meiner neuen Freiheit umrundete ich die Insel gleich zwei Mal an diesem Tag. Die Sonne schien dabei durch die Frontscheibe, der Fahrtwind streichelte mir über das Gesicht und ich sang lauthals alles mit, was das Radio hergab. Das, dachte ich mir, ist echte Freiheit. Gepaart mit dem Stolz, meine Angst überwunden zu haben, machte sich die pure Zufriedenheit in mir breit. Die hielt an bis zum nächsten Tag – als mir bei peitschendem Regen ein Reh vor das Auto lief. Ja, auch das ist Autofahren in Kanada. Keine schöne Erfahrung. Zum Glück ist weder dem Tier noch mir etwas passiert, aber ich muss wohl kaum erwähnen, dass ich die nächsten Stunden mit Tempo 30 und starrem Blick weiter fuhr.

Nachdem ich mein Auto in Montreal abgegeben und mit dem Bus in die USA gefahren war (denn aufgepasst: Auto in Kanada mieten und den USA wieder abgeben geht nicht!), bekam ich in Hyannis am Cape Cod mein nächstes Gefährt. Ich hatte dieses Mal nach einem GPS gefragt, denn ja, fahren und auf Schilder achten hatte mich in Kanada doch leicht überfordert. Doch statt mir einfach ein Navi in die Hand zu drücken, bekam ich ein Upgrade. Einen SUV. Als ich vor diesem grauen Monstrum stand, hatte ich das Gefühl, noch nie ein größeres Auto gesehen zu haben (ich schwöre Euch, in echt sah es viel viel größer aus als auf dem Bild).

Road Trip, Hyannis, USA

Die alte Angst kam zurück – wie sollte ich mit dieser Karre heil durch den Straßenverkehr kommen? Doch mir blieb schließlich nichts andere übrig, als einfach loszufahren. Einfach machen, war mein einziger Gedanken und hochkonzentriert lenkte ich mein Familienauto XXL zum Hostel. Und oh Wunder, mit einmal begann mir das Autofahren richtig Spaß zu machen. Ich wurde gelassener und entspannter hinterm Lenkrad. Gemeinsam erkundeten wir das Cape Cod, fuhren nach Harvard, wo wir wagemutig in einer Tiefgarage parkten, brausten weiter bis nach Salem und die Ostküste hinauf nach Maine. Mein Ziel für diesen Road Trip war es von Anfang an gewesen, mal über ein paar grundlegende Dinge in meinem Leben nachzudenken, aber auch einfach mal den Kopf auszuschalten. Beides funktionierte beim Autofahren wunderbar. Wie ich das so durch die USA fuhr, mitten im wunderschönen Indian Summer, war ich ganz bei mir.

Road Trip, Maine, USA

Nichts und niemand lenkte mich ab oder redete mir rein, die zauberhafte Landschaft flog an mir vorbei und ich war erfüllt von Stolz und Glück. Ich hielt an Raststätten, um Kaffee zu trinken, machte Pause, wo es mir gefiel und genoss bei prasselndem Regen, in den Fahrersitz gekuschelt, die Aussicht auf raue Gewässer und stoische Leuchttürme.

Road Trip, Maine, USA

Ja, alleine auf einen Road Trip zu gehen, erfordert ein wenig Überwindung, doch selten habe ich mich so unabhängig gefühlt. Ich bin immer noch gerne Beifahrer und ja, ich halte mich immer noch für eine schlechte Autofahrerin. Aber jetzt weiß ich: Ich kann. Wenn ich will.

Road Trip

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4 Kommentare

  1. Hallo,

    toller Bericht! Die USA sind für Roadtrips ideal, ich fand den Verkehr sehr entspannt und die Parkplätze sind auch riesig. ;-)
    Am schlimmsten fand ich das Auto fahren während unseres Roadtrips durch Sizilien. Da hatte ich bei jeder Kreuzung einen Mini-Herzinfarkt. :-)

    Portugal kann ich für Roadtrips auch empfehlen, hier sind die Straßen relativ wenig befahren und die Autofahrer sehr gemütlich.

    Viele Grüße

    Melanie

    • Henrietta

      Haha, ja, auf Sizilien war ich vor 4 Jahren auch schon mit dem Auto unterwegs – da ist zum Glück mein Papa gefahren, der ertragen musste, dass ich alle 5 Minuten laut gequiekt habe ;)
      Dagegen sind die USA wirklich ein Paradies für Schisser wie mich. Danke für der Portugal-Tipp – sowas ist immer super zu wissen!!! Liebe Grüße, Henrietta

  2. Hey,
    ein schöner Artikel. Schön dass du bei Autofahren so gut zur Ruhe gekommen bist.

    Ich für meinen Teil fahre eher nicht so gerne alleine. Ich bin in Nordamerika auf meiner letzten Reise 85000km gefahren und davon nur 1000 alleine. Ich habe eigentlich immer Mitfahrer gefunden, gemeinsam macht es einfach mehr Spaß :-)

    Gruß Markus

    • Henrietta

      Hi Markus,
      ja, es ist tatsächlich eine ganz andere Art des Autofahrens mit bzw. ohne Mitfahrer, oder?! Ich mag beides, je nach Gemütslage ;)

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