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Von der Kunst des Loslassens oder warum jeder mal aus einem Flugzeug springen sollte

Fallschirmspringen in Taupo, Neuseeland

Mit Ende Zwanzig (und wahrscheinlich auch weit darüber hinaus) besteht unser Leben meist aus einem einigermaßen stabilen Konstrukt aus Job, Wohnung, Freunden und Familie. Wir fühlen uns ziemlich sicher, eingebettet in einen Lifestyle zwischen Vernunft und Exzess, fühlen uns noch einigermaßen jung und doch schon ganz schön erwachsen. Manchmal aber auch einfach ziemlich durchschnittlich. Das Gefühl, mehr zu wollen, scheint jedem Endzwanziger tagtäglich durch den Kopf zu schwirren, doch in der Umsetzung tun wir uns alle ziemlich schwer. Warum? Weil es hart ist, loszulassen, sich etwas zu trauen, seine Ängste zu überwinden und für sich selbst einzustehen. Das gilt für unseren Job, in dem wir nach der anfänglichen Euphorie nur noch mittelmäßig glücklich sind, unsere Beziehungen, bei denen sich vielleicht zu viel Routine eingeschlichen hat, unsere Heimatstadt, die uns vielleicht langsam langweilt. Sind wir nicht eigentlich verpflichtet, die vielen Möglichkeiten zu nutzen, die uns das Leben darlegt?

Loslassen birgt Risiken, schnürt uns manchmal den Atem ab und lässt uns beim reinen Gedanken daran erzittern – und doch tut es so gut. Einmal losgelassen wird alles um uns herum leichter, unbeschwerter und macht plötzlich wieder viel mehr Sinn – das gilt vor allem beim Reisen. Wenn wir unterwegs sind, werden wir viel öfter als im “normalen” Leben vor Herausforderungen gestellt, manchmal stürzen wir uns ihnen auch nahezu entgegen, ohne groß darüber nachzudenken. So erging es mir zum Beispiel in Neuseeland, als ich gemeinsam mit einer Gruppe in Taupo Halt machte. “Toll, hier kann man Fallschirm springen”, tönte es aus einer Ecke. “Ich bin dabei”, hörte ich mich innerhalb von Sekunden sagen und wollte mir im gleichen Moment direkt eine scheuern. Mein großes Problem ist, dass ich keine Rückzieher mache. So kam ich also nicht umher, mich am nächsten Tag in einen schicken Anzug zu werfen (und man merke, mein Figur-Typ und Fallschirm-Anzüge harmonieren mittelmäßig miteinander) und in das kleine Sportflugzeug zu steigen.

Fallschirmspringen in Taupo, Neuseeland

Was soll ich sagen – der Sprung war fabelhaft. Die Welt sieht plötzlich klitzeklein aus, wenn man sie aus einer neuen Perspektive betrachtet und die Mischung aus Angst, Adrenalin und Freudentaumel ist einzigartig. Nicht zu unterschätzen: der Stolz auf sich selbst, wenn man etwas gewagt hat. Wenn man eben einfach mal losgelassen hat. Die Sekunden des freien Falls ziehen gleichzeitig blitzschnell und trotzdem wie in Zeitlupe an einem vorbei, selten war ich so sehr bei mir, wie in diesem Fall-Moment. Und das obwohl ich so eng an meinem Tandem-Partner dran hing, das nicht mal ein Blatt Papier zwischen uns gepasst hätte. Dieser Mann – Albert hieß er übrigens – hatte im Prinzip mein Leben in der Hand, doch nicht eine Sekunde lang hinterfragte ich diese ungewöhnliche Situation, und das, obwohl ich für gewöhnlich ungerne Verantwortung abgebe.

Bei meinem Sprung aus dem Flugzeug habe ich die Verbindung von Loslassen und Vertrauen erkannt. Egal, an welchem Punkt wir in unserem Leben stehen und egal, wie ängstlich wir dem Moment des Loslassens entgegenblicken: Am Ende wird alles gut. Manchmal müssen wir uns eben mal aus einem Flugzeug stürzen, um zu unserem Urvertrauen zurück zu finden.

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2 Kommentare

  1. Da musste ich mich beim Lesen fast schon am Tisch festhalten. (Allein der Gedanke an einen Tandemsprung.. arghhh)

    Ich weiß nicht, ich bin glaub ich echt ein Schisser wenn es um sowas wie Bungee Junping oder einen Tandemsprung geht. Ich bewundere deinen Mut aufs Höchste! Wirklich.

    Mein Problem ist es nämlich auch, einfach mal die Kontrolle abzugeben (ein Zeichen dafür, dass ich es mal machen müsste.. :) )

    Aber ja, du hast vollkommen recht: Wer vor solch “lebensbedrohlichen” Momenten steht wird merken, wie toll und einzigartig das Leben und wie klein doch unsere Probleme sind.

    Hach, vielleicht mach ich’s ja doch mal irgendwann.. ganz vielleicht.

    Liebste Grüße,
    Sabrina

    • Henrietta

      Liebe Sabrina,
      ich kann gut verstehen, dass Du ein wenig “zögerlich” bist, wenn es darum geht, aus einem Flugzeug zu springen ;)
      Ob ich es nochmal machen würde? Ich weiß es nicht… Aber alles in allem tut es einfach so gut, sich mal aus seiner Comfort Zone
      raus zu bewegen, sich was zu trauen und eben einfach mal loszulassen. ABER: Es gibt da ja noch tausend andere Möglichkeiten
      als einen Fallschirmsprung! Liebe Grüße, Henrietta

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